Ein Vorleser bringt die Fabrik-Welt ins Wanken

Erscheinungsdatum: 
09.06.2008

ProSzenium zeigt mit "Anna in den Tropen" ein beeindruckendes Schauspiel

von Antje Rickmeier

Delmenhorst. Es ist nur ein Buch. Doch es verändert die vertraute Welt des Zigarrenfabrikanten Santiago und seiner Familie. Leo Tolstois Roman "Anna Karenina" spielt eine entscheidende Rolle in Nilo Cruz’ Theaterstück "Anna in den Tropen". Die Delmenhorster Theatergruppe ProSzenium hat das Schauspiel, in dem eine Geschichte das Leben und die Gefühle der Hauptfiguren durcheinander wirbelt, eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Bei der Prermiere in der ausverkauften Villa erhielten die Schauspieler am Sonnabend viel Applaus.

Das Theaterstück des aus Kuba stammenden Amerikaners Nilo Cruz besitzt psychologischen Tiefgang und verlangt den Darstellern viel ab. Denn die Hauptfiguren machen eine Wandlung durch, die sich vor allem im Inneren vollzieht. Zunächst scheint die kleine Welt in der Tabakfabrik der aus Kuba stammenden Halbbrüder Santiago (Michael Weimann) und CheChe (Heinz-Günther Harms) in Ordnung zu sein. Ein Vorleser wird ein eingestellt, der die Arbeiter während der eintönigen Arbeit des Zigarrenrollens uterhalten soll. Doch das Auftauchen des jungen Juan Julian (Micheal Langner) sorgt für Auseinandersetzungen.

CheChe will die Fabrik modernisieren und den Vorleser entlassen. Doch die Mitarbeieter, darunter Santiagos Frau Ofelea (Monika Roth), deren Töchter Marela (Tania Bucherberger und Marie Bollenhoff) und Conchita (Lea Borgaes), setzen sich für Tradition und den Vorleser ein. Das bringt die vertraute Welt ins Wanken.

Juan Jualian liest aus Tolstois Roman "Anna Karenina", deren Hauptfigur im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Liebesaffäre beginnt. Die Geschichte entfaltet ihre Wirkung: Bald beginnen Gespräche über das Buch, jeder bezieht die Handlung auf sein eigenes Leben. Während Marela voll romantischer Bewunderung für Anna ist und sich in den Vorleser verliebt, sieht ihre Schwester die Parallelen zu ihrer Ehe, in der sie von ihrem Mann Palomo (Herbert Hahn) betrogen wird. Conchita beginnt eine Affäre mit dem Vorleser und erkennt ihre Sehnsüchte. Bei CheChe dagegen legt der Vorleser mit seiner Geschichte einen Finger in die Wunde. Der Fabrik-Teilhaber wurde wegen eines anderen Vorlesers von seiner Frau verlassen. Als ihn die junge Marela zurückweist, nimmt das Geschehen auf der Bühne eine dramatische Wendung: Cheche vergewaltigt Marela und erschießt den Vorleser Juan Julian.

Die Schauspieler von ProSzenium verstanden es durch ihr eindringliches Spiel, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und die Spannung während des rund zweistündigen Stücks aufrecht zu erhalten. Eine beachtliche Leistung angesichts der Tatsache, dass das Schauspiel von Nilo Cruz besonders von der poetischen Sprache und den Emotionen der handelnden Personen lebt. Insbesondere Lea Borgaes als Conchita spielte eine Rolle, bei der bereits Blicke, Gesten oder der Gesichtsausdruck viel aussagten. In der Aufführung unter der Regie von Petra Wahed-Harms und Ines Paetzoldt sorgte Gastmusiker Peter Blöchl zwischen den Szenen für kubanische Gitarrenklänge ...