Romeo und Julia im Ehetrott

Erscheinungsdatum: 
15.06.2004

ProSzenium feiert mit „Es war die Lerche“ eine umjubelte Inszenierung in der Villa

Von Julia Brünner

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, so enden Märchen. William Shakespeares Liebesdrama um „Romeo und Julia“ endet tragisch, nämlich tödlich. Was wäre aber gewesen, wenn sich die Liebenden aus den verfeindeten Familien nicht im Tode, sondern im Leben in die Arme fallen durften? Dieser Frage ging Ephraim Kishon nach und schrieb „Es war die Lerche“, ein heiteres Trauerspiel. Dennoch tut er dem Publikum nicht den Gefallen und zeigt das ultimative Liebespaar im Happy End, sondern nach 30 Jahren eingefahrener Ehe.

Das Delmenhorster Theaterensemble ProSzenium feierte am Sonnabend in der ausverkauften Villa eine begeisternde Premiere dieses Stoffes. Nach Michael Endes „Wunschpunsch“ ist dies die zweite Inszenierung für die Gruppe, die 2001 aus einem Volkshochschulkursus hervorging. Regie führte Petra Wahed-Harms. Diese Inszenierung hat viel Charme, der nicht mit dem Bonus kokettiert, eine Laientruppe zu sein. Bereits das erste Bild besticht mit detailverliebten Kostümen. Ob es die Schlafmützen sind oder die historisch gefertigten Kleider, die geschickt benutzt werden. So ist das Nachtkleid Julias gleichzeitig das Unterkleid für ihre Tagesgarderobe. Aus der Rolle fällt eben auch optisch die Tochter Lucretia, Lucy genannt, die mit Glamourshirt, Minirock und Inline Skates ein Girlie von heute ist. Zum ersten Eindruck zählt aber auch die liebevoll eingerichtete Kulisse, die nicht nur Dekoration ist, sondern tatsächlich in die Handlung einbezogen wird: Die Ofentür klappt auf und zu, mit dem Geschirr stellt Julia das Frühstück zusammen und der Waschbottich kommt auch zum Einsatz. Hier lebt das Ensemble in der Kulisse.

Das Auge sieht sich an den Bildern satt, aber auch die Ohren erfreuen sich über den gut einstudierten sprachlichen Ausdruck der Darsteller. Dabei gibt es zwei Ausdrucksvariationen: Michael Weimann (Romeo), Ines Paetzoldt (Julia) und Tania Buchberger (Tochter) gelingt es in „natürlichem“ Tonfall zu artikulieren. „Natürlich“ ist es insofern nicht, als dass die Stimme auf der Bühne immer gestützt werden muss, um eine gewisse Lautstärke für die Dauer von zwei Stunden zu halten. Diese Technik wenden auch Rune Jürgensen (Shakespeares Geist), Heinz-Günther Harms (Pater Lorenzo) und Kerstin Dummer (Amme) an. Allerdings sprechen sie eher schauspielernd im Sinne ihrer Charaktere, was aber durchaus rollentypisch angemessen ist. Die einzige doppelt besetzte Rolle ist die der Tochter, die auch Elisabeth Hartwig verkörpert. Wer von den beiden nicht spielt, souffliert an dem Abend.

Ein Clou innerhalb der Sprache: Immer wenn im Hause Montague-Capulet geflucht wird, passiert es auf Italtienisch und dies wirkt keineswegs aufgesetzt. Wenig Spielraum bleibt in den überwiegenden Zweierszenen für die gestische Bewegung. Währenddessen drehen die Darsteller Runden um das Bettpodest oder klettern auf die Matratze. Schön ausgespielt ist etwa die Szene mit Amme und Romeo zu Beginn, als Romeo keine Antwort auf den Krankheitszustand seiner schwerreichen Schwiegermutter bekommt, sondern die Amme die immergleiche Geschichte wiederholt, derweil Romeo verschiedene Tötungsabsichten andeutet. Im entscheidenen Moment dreht sich die Amme aber um und verhindert das Unglück.

Kurz zum Inhalt: Das Liebespaar der Weltliteratur schlechthin widersetzt sich dem Ehetrott nicht, ist nicht allein von der aufmüpfigen Tochter genervt, sondern sich selbst überdrüssig. Er schläft lieber mit seiner Wärmflasche „Lisa“ als mit seiner Fau. Sie kann es nicht ertragen, „Witwe eines Mannes zu sein, der noch lebt“. Beide denken an Scheidung und hegen Mordgedanken. Wie nahe sie sich dabei dem tatsächlichen Ehealltag annähern, war an den Publikumsreaktionen („Das habe ich auch schon versucht!“) zu spüren. Da bleibt nur das Fazit: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie noch heute.