Der erste Akt der Familiengeschichte steht

Erscheinungsdatum: 
24.01.2005

Laienschauspieler von "Proszenium" arbeiten mit großem Eifer an ihrer nächsten Inszenierung

Von Kerstin Spanke

Aus den Boxen plärrt ein fröhlicher Oldie. Ein Joint macht hastig die Runde, während sich Teresa, Mary und Catherine prustend und kichernd in immer andere abgetragene Kleider, altmodische Hüte und bunte Schals ihrer Mutter werfen, "Seit wann benehmen sie sich so?" fragt Frank Mike mit kopfschüttelndem Blick auf das alberne Kinderspiel der Schwestern. "Mein Gott, was sind sie nur für ein Haufen, wenn sie sich zusammenrotten!"

Bevor Mike etwas erwidern kann, bricht Petra Wahed-Harms die Szene ab. "Sehr gut, da war Energie drin", lobt sie Sabine Leppert, Ines Paetzoldt und Tania Buchberger. Seit Oktober probiert Wahed-Harms mit ihren Mitstreitern der Delmenhorster Amateur-Theatergruppe "Proszenium" an der Inszenierung von "Das Gedächtnis des Wassers" - mit großem Erfolg: Der erste Akt steht bereits und alle Beteiligten sind mit viel Ehrgeiz und Spaß dabei.

Ohne diese beiden Eigenschaften würde die kleine Amateurtheatergruppe wohl auch nicht seit vier Jahren bestehen und mit einem abwechslungsreichen Programm immer wieder das Publikum verblüffen. Gegründet hat sich "Proszenium" aus einem Schauspielkurs der Volkshochschule. "Wir wollten damals nicht einfach auseinander gehen, sondern weitermachen", erinnert sich Michael Weimann. "Theater spielen ist einfach wie ein Virus und so gründeten wir ’Proszenium’ als Verein." Dem kann das Ehepaar Wahed-Harms nur zustimmen. Die beiden waren damals auf der Suche nach einem gemeinsamen Hobby und "infizierten" sich in dem VHS-Kurs. Petra Wahed-Harms hat das "Theater-Fieber" sogar so sehr gepackt, dass sie dabei ist, sich beim Bundesverband der Amateur-Theater zur Spielleiterin ausbilden zu lassen. Nicht nur die angehende Spielleiterin auch die übrigen rund 18 aktiven Mitglieder des Theatervereins besuchen regelmäßig Theaterseminare, um ihr Spiel zu verbessern. "Wir versuchen, soviel wie es geht von diesen Seminarerfahrungen in die Gruppe zurückzugeben", erklärt Paetzoldt das ehrgeizige Ziel. Demnächst hat sich das Ensemble einen Referenten zur Stimmausbildung eingeladen.

Bei allem Streben nach einem bestmöglichen Bühnenerlebnis steht bei "Proszenium" die Lust aufs Theater machen im Vordergrund. Die Atomsphäre in der Gruppe ist familiär und freundschaftlich, denn im Gegensatz zu den Profis, die auf der Bühne ihren Job tun, verbindet hier alle Beteiligten nur eins: Neben dem Job oder der Schule, sich die Zeit zu nehmen, um Texte zu lernen, um einmal die Woche oder auch an den Wochenenden zu probieren. "Ohne eine Familie, die dahintersteht geht das nicht", sind sich alle einig. Doch bei "Proszenium" gibt es da keinen Grund zu klagen: Viele Ehepartner, Lebensgefährten und Freunde beteiligen sich irgendwie vor oder hinter der Bühne. Für die theaterbegeisterte Tochter von Sabine Leppert wurde eigens eine Rolle ins aktuelle Stück reingeschrieben. "Caroline ist total begeistert, sie kann meine Text manchmal besser als ich", freut sich Leppert über die Elfjährige. Das eingeschworene Klima bei "Proszenium" sollte Delmenhorster, die auch Lust auf aktive Theaterarbeit haben, jedoch nicht abschrecken. "Bei uns ist jeder neue Mitstreiter willkommen und so was wie ein Vorsprechen gibt es bei uns nicht", stellt Petra Wahed-Harms klar. "Schauspielerfahrung ist dabei schön, aber kein Muss. Auch über Sponsoren würden wir uns freuen." Interessierte können mit ihr unter 0 42 21 / 7 01 21 oder unter www.proszenium-delmenhorst.de Kontakt aufnehmen.

Nach Michael Endes "Wunschpunsch" und Kishons "Es war die Lerche" hat sich der "Stück-Rat" des Ensembles nun für ein Werk aus der Feder der britischen Dramatikerin Shelagh Stephenson entschieden. "Ein außergewöhnliches Stück Familiengeschichte", da sind sich Spielleiterin Wahed-Harms und ihre Laiendarsteller einig. So komisch wie die eingangs beschriebene Szene ist, die Geschichte um die Schwestern Mary, Teresa und Catherine beginnt traurig: Anlässlich der Beerdigung ihrer Mutter Violet treffen Mary (Ines Paetzoldt), Teresa (Sabine Leppert)und Catherine (Tania Buchberger/Anna-Therese Kreuzer) im Haus ihrer Kindheit zusammen. Schon bald brechen zwischen den drei sehr unterschiedlichen Schwestern alte Konflikte auf, die sich nicht zuletzt in Zankereien über richtige und falsche Erinnerungen zeigen. Und auch Vi, die Mutter (Petra Wahed-Harms), hat ihre Version der gemeinsamen Geschichte. Natürlich sind auch Männer mit im Spiel: Marys verheirateter Liebhaber Mike  (Michael Weimann) sowie Frank  (Heinz-Günther Harms), Teresas Ehemann.

"Proszenium" hat sich der komisch-tiefgründigen wort- und inhaltsreichen Familienparabel mit viel Elan angenommen und fiebert schon der Premiere am 11. Juni in der "Villa" entgegen. "Bis dahin haben wir jedoch noch eine Menge zu tun", weiß Petra Wahed-Harms und stürzt sich deshalb ab Ostern gemeinsam mit ihrem Ensemble mit noch mehr Elan in die heiße Probenphase.