Wo die Requisiteurin eine Hauptdarstellerin ersetzt

Erscheinungsdatum: 
13.06.2005

Dritte "ProSzenium"- Produktion "Das Gedächtnis des Wassers" mit stürmischem Beifall bedacht

Von Andreas Becker

Wenn etwas fehlt, dann ruft man nach der Requisite. Oder nach der Inspizientin, um es im korrekten Theaterdeutsch zu sagen. Fehlt ein Glas, ruft der Regisseur und das Glas wird sofort gebracht. Aber was, wenn ein ganz zentraler Teil des gesamten Stückes fehlt? Beispielsweise eine der Schauspielerinnen, die eine der drei Hauptrollen spielt?

Vor dieser Frage stand der Delmenhorster Theaterverein „ProSzenium“ am vergangenen Dienstag, fünf Tage vor der aktuellen Premiere. Und wieder riefen sie nach der Inspizientin... Lea Borgeas sorgt bei „ProSzenium“ dafür, dass alle Dinge an der richtigen Stelle stehen. Und nachdem Aktrice Sabine Leppert wegen zweier gebrochener Rippen ausfiel, stellte sich Lea Borgeas selber auf die Bühne, um das Loch zu stopfen.

Natürlich reichte die Zeit nicht mehr aus, um den Text zu lernen. Also spielte sie mit dem Skript in der Hand und sorgte so dafür, dass der Premiere der dritten „ProSzenium“-Produktion nichts mehr im Wege stand. Vor gut 90 Zuschauern sorgte das Stück „Das Gedächtnis des Wassers“ von Shelagh Stephenson in der Villa nicht nur für viele Lacher, sondern auch für stürmischen Applaus.

Die Mutter von Mary (Ines Paetzoldt), Teresa und Catherine (Anna-Therese Kreuzer) ist tot. Was zwangsläufig dazu führt, dass die drei unterschiedlichen Schwestern mal wieder zusammentreffen und mal wieder das machen, was sie eigentlich schon ihr gesamtes Leben gemacht haben: sich gegenseitig angiften. Schließlich litten sie alle an der lieblosen Kindheit, was zu Problemen im späteren Leben führte. Ein vortreffliches Szenarium, um die Mädels so richtig loszicken zu lassen.

Und dafür nimmt sich Stephenson in ihrem mit dem „Laurence Olivier Award“ ausgezeichneten Stück jede Menge Raum. Was sehr schön ist, schließlich leben so boulevardesk-dramatische Stücke von den guten Dialogen. Und den Theater-Amateuren von „ProSzenium“ gelingt es erstaunlich gut, diese teils schwierigen Vorlagen immer wieder in gute Pointen umzuwandeln. Was nicht einfach ist. Das Stück gibt ein hohes Tempo vor, was es nicht einfacher macht, das richtige Timing für die Gags zu behalten. Aber es funktioniert gut. Was auch an der Güte des Textes liegt. Denn selbst von Lea Borgeas abgelesene Stellen sorgen immer wieder für Lacher. Aber es kommt ihrer Sonderrolle als Vorleserin auch etwas entgegen, dass sie das Mauerblümchen der drei Schwestern ist. Mauerblümchen, weil sie noch immer im Elternhaus wohnt, wo sie bis zuletzt die Mutter zu Tode pflegte, und weil sie das Leben ihrer Eltern führt.

Ihr Mann Frank (Heinz-Günther Harms) ist nichts weiter als eine blasse Blaupause ihres Vaters, und statt des elterlichen Eisenwarengeschäftes verkaufen die beiden Reformhaus-Produkte. Ines Paetzoldt als Ärztin weiß ebenfalls zu überzeugen, auch wenn ihre Zunge beim hohen Tempo hie und da etwas ins Straucheln kommt. Aber ihr gelingt es, die Tragik ihrer Rolle spürbar zu machen. Vor allem als sie erfährt, was aus ihrem Sohn, den sie als 14-jährige gebar und der dann zur Adoption frei gegeben wurde, geworden ist. Auch ist sie es, die in immer wieder eingeflochtenen imaginären Szenen noch einmal ihre Kindheit in Gesprächen mit ihrer Mutter Vi aufarbeitet – um diese Frau, die ihr immer so fremd schien, endlich besser zu verstehen.

Am besten spielt aber Anna-Therese Kreuzer als chronisch zugedröhnte, überkandidelte, im Grunde todunglückliche Catherine, die zwar schon mit 78 Männern geschlafen hat, darunter aber bisher nie den richtigen fürs Leben fand. Sie gibt Gas, zickt rum oder bricht zusammen, als ihr Freund Javier mit ihr am Vortag der Beisetzung am Telefon Schluss macht.

Das sollte man sich ruhig angucken, denn „ProSzenium“ bietet zwei wirklich vergnügliche Theaterstunden. Noch am heutigen Montag und morgen, Dienstag, um jeweils 20 Uhr. Und am Mittwoch, 15. Juni, schon zur länderspielverträglichen Zeit um 18 Uhr.