Die Phantasie spielt mit

Erscheinungsdatum: 
26.06.2006

ProSzenium begrüßte das Premierenpublikum im "Haus von Montevideo"

Von Ute Winsemann

„Nichts in der Welt ist so schmutzig, wie es eine schmutzige Phantasie machen kann – oder eine zu moralische.“ Der diesen Satz schrieb, wusste offenbar sehr genau, wovon er sprach. Denn ohne die vorauseilende Phantasie würde so manches an der Komödie „Das Haus in Montevideo“ nicht funktionieren. Doch mit seinem vor Zweideutigkeiten strotzenden Text hat der Autor Curt Goetz dafür gesorgt, stets die passenden Phantasie-Regionen der Zuschauer anzusprechen. Und die Inszenierung des Theatervereins ProSzenium tat ein Übriges, die Premiere am Sonnabend in der Villa zu einem vollen Erfolg werden zu lassen, der das Publikum immer wieder zu Lachanfällen und begeistertem Zwischenapplaus hinriss.

Dabei ist doch eigentlich alles so wunderbar schwarz-weiß geordnet in der Welt von Professor Dr. Traugott Hermann Nägler (Michael Weimann), der mit seiner Gattin Marianne (Ines Paetzoldt) und der zwölfköpfigen Kinderschar ein zwar bescheidenes, aber – wie zumindest er selbst überzeugt ist – hochanständiges Leben führt. Bis ihn der Tod seiner Schwester Josefine, die er einst wegen eines unehelichen Kindes aus der Familie verstoßen hat, auf eine Probe stellt, die ihn mitsamt seiner doppelbödigen Moral schier zu zerreißen droht. Ihr Testament entpuppt sich als eine „wunderbare Rache“, findet die etwas lebensnäher veranlagte Ehefau. Bis sich doch noch alles durch eine höchst unerwartete Erkenntnis zum Guten wendet, müssen der Professor, die älteste Tochter Atlanta (Tania Buchberger), der Beau Herbert Kraft (bei der Premiere Michael Langner, der sich die Rolle mit Malte Schwarting teilt) und Pastor Riesling als Freund der Familie (Heinz-Günther Harms) aber erst einmal bis in jenes „Haus in Montevideo“ und zurück reisen. Und das Publikum mit ihnen.

Dass das gelang, dafür sorgten neben den von Regisseurin Petra Wahed-Harms angeleiteten Schauspielern auch die aufwendigen Kostüme und das bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Bühnenbild. Mit dessen Hilfe lief das Stück selbst in den beiden Pausen noch weiter: Auf einer Weltkarte war anhand von blinkenden Lämpchen die Schiffsroute nachzuvollziehen.

Zu einem besonderen Ereignis wurde die Aufführung aber auch noch durch eine anderer „Zutat“, eine Erweiterung des bisherigen ProSzenium-Ensembles. Denn dass gerade dieses Stück ausgewählt worden war, lag nicht zuletzt daran, dass einige Theater-Kinder endlich einmal selbst mitspielen wollten. Das taten sie im ersten Akt denn auch so ungestüm, dass eines der Mädchen schon beim johlenden Lauf der mit Rüschenkleidchen und Matrosenkragen zeittypisch ausstaffierten Rasselbande auf die Bühne einen Schuh verlor. Was aber dem weiteren Fortgang ebenso wenig Abbruch tat wie ein später vom Bühnen-Vater – Ungestüm scheint erblich zu sein – versehentlich abgerissener Türvorhang. Nicht nur bei diesem Vorfall übertönte das Lachen der Kinder, die das Stück nach ihrem Auftritt von den hinteren Reihen aus verfolgten, noch das des restlichen Publikums. Da sie unter der Leitung von Kerstin Dummer immer Extra-Proben absolviert hatten, sahen nämlich auch sie die Komödie zum ersten Mal in ihrer vollen Länge. Und wenn auch manche der sprachlichen Schlüpfrigkeiten nur dem erwachsenen Publikum zugänglich gewesen sein dürfte, so bewies die Reaktion doch insgesamt, dass das Stück auch über 80 Jahre, nachdem es in seiner Urfassung als „Die tote Tante“ erstmals auf die Bühne kam, noch nichts an Witz und Tempo verloren hat. …